Suchbegriff eingeben...

Inserire il termine di ricerca...

Enter search term...

Joachim Gatterer

Aus den Kriegstrümmern zur Demokratie

Zum politischen Werdegang von Alfons Benedikter, Pietro Mitolo und Egmont Jenny

1. Einleitung

Für die Entstehung und Entwicklung der politischen Nachkriegskultur in Südtirol stellt das Gruber-Degasperi-Abkommen aus dem Jahr 1946 die wesentliche juridische Grundlage dar. Es bildet die formale Gegenthese zur Politik der nationalistischen Konfrontation und schuf unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs die erste Voraussetzung für eine, wenngleich fragile, gesellschaftspolitische Entspannung. Unter der Oberfläche verbarg sich jedoch ein stark traumatisiertes kollektives Bewusstsein, in welchem die Erinnerung an die schwelenden Nationalitätenkämpfe in der Habsburgermonarchie des 19. Jahrhunderts, an die darauf folgende faschistische Entnationalisierungspolitik, an die großen politischen Umsiedlungsvorhaben, an den nationalsozialistischen Einmarsch in Norditalien, an totalen Krieg und politische Verfolgung noch allgegenwärtig waren.

Als Folge dieser historischen Traumata resultierte unmittelbar nach Kriegsende u. a. eine intensive Stimmung des gegenseitigen Misstrauens in weiten Teilen der Bevölkerung und die offensichtliche Unterentwicklung einer demokratischen Streitkultur. Unter diesen Vorzeichen begann mit der Verabschiedung des Gruber-Degasperi-Abkommens die Verfestigung eines Systems der machtpolitischen Konkordanz entlang ethnisch definierter Konfliktlinien. Dieses System schreibt unter den politischen Eliten in der Provinz bis dato einen breiten sprachgruppenübergreifenden Konsens verfassungsrechtlich vor, während an der gesellschaftlichen Basis eine institutionelle Trennung des sozialen Raumes zwischen den deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Bevölkerungsgruppen praktiziert wird (vgl. Pallaver 2010, 381–384; Verdorfer 2010, 368–371; Pallaver 2007b, 527–536).

Bei allem Zwang zum Konsens ist dieses System das Ergebnis eines langjährigen politischen Wettstreits, in dessen Mittelpunkt auf lokaler Ebene in den entscheidenden Jahrzehnten eine Generation von PolitikerInnen stand, welche nicht nur die rechtliche Architektur der Südtirolautonomie ausgestaltete sondern durch ihren politischen Habitus – der noch im ideologischen Klima der 1930er- und 40er-Jahre herangereift war – auch die Diskussionskultur dieser Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt hat. Während wichtige Protagonisten dieser Generation, wie etwa Hans Dietl, frühzeitig aus dem politischen Leben ausgeschieden sind, begann ab Mitte der 1980er-Jahre der breit angelegte Generationenwechsel auf allen Ebenen, der jüngeren PolitikerInnen der ersten Nachkriegsjahrgänge endgültig den Weg zu politischen Spitzenpositionen ebnete (vgl. Heiss, 2003, 8).

Nach dem Ableben von SVP-Altsenator Hans Rubner im Jahr 2009 sind im Jahr 2010 mit Altlandeshauptmann Silvius Magnago (siehe dazu den Beitrag in diesem Band) sowie mit den langjährigen Regionalpolitikern Alfons Benedikter, Egmont Jenny, Pietro Mitolo – und im Februar 2011 mit Alcide Berloffa – bedeutende Vertreter der Gründergeneration der Autonomie verstorben. Aus gegebenem Anlass soll ein kritischer Vergleich der politischen Biografien von Alfons Benedikter, Pietro Mitolo und Egmont Jenny wesentliche Charakteristika dieser Politikergeneration nachzeichnen. Der Vergleich beschränkt sich dabei nicht auf die Darstellung der unterschiedlichen politischen Karrieren; vielmehr soll illustriert werden, wie stark gemeinsame soziale Rahmenbedingungen das politische Engagement dieser Generation beeinflussten, welche ideologischen Positionen sich daraus entwickelt und wie diese das politische Konkordanzsystem geformt haben. ­Benedikter, Mitolo und Jenny stehen letztlich auch paradigmatisch für unterschiedliche Zugänge zur Demokratie, deren Vergleich sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen politischer Diskussion in Südtirol erkennen lässt.

2. Kindheit und Jugend im Zeichen von Kriegsschäden und ­ideologischer Aufrüstung

In einem Aufsatz zur Geschichte der Zwischenkriegszeit zeigt Hans Heiss die sozialen und politischen Rahmenbedingungen, in denen Jugendliche der 1920er- und 30er-Jahre in Südtirol aufgewachsen sind. Er zeichnet eine Epoche „schwerster Turbulenzen“, die dem Bild aktueller Krisenregionen durchaus ähnlich sind. Auch Südtirol war nach 1918 von unmittelbaren Kriegsfolgen betroffen. Kindheitserinnerungen an die damalige Zeit sind großteils geprägt von Erfahrungen des Mangels, von wirtschaftlichen Notlagen und von den Existenzängsten der Eltern, die wiederum bedingt waren durch die politischen Folgeerscheinungen des Ersten Weltkriegs, eine starke Abwanderung breiter Bevölkerungsschichten, das Eindringen der italienischen Admi­nistra­tion in vormals österreichische Amtsstuben, später die Machtübernahme des Faschismus. Ab Mitte der 1920er-Jahre zerbrachen die letzten Reste funktionierender Bildungsstrukturen und damit in vielen Fällen auch die Aussichten auf ein gesichertes Einkommen – beides unter den Vorzeichen einer nahenden Weltwirtschaftskrise. Auf diese gesellschaftliche Marginalisierung antworteten auch in Südtirol viele mit politischer Radika­lisierung im Zeichen totalitärer Ideologien (vgl. Heiss 2000, 7–8; Gatterer 1991, 173).

Benedikter, Mitolo und Jenny waren Kinder dieser Zwischenkriegszeit, konnten in ihren jeweils getrennten Milieus aber härteren Schicksalsschlägen entgehen. Benedikter, Jahrgang 1915, profitierte als Sohn eines Postmeisters von seiner sprachlichen Begabung und schloss 1936 das Gymnasium, 1940 sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Neapel ab. Pietro Mitolo, Jahrgang 1921 und zweiter Sohn eines angesehenen Carabinierimaresciallos, sozialisierte sich am Bozner Lyzeum und in den Reihen des neuen und gehobenen italienischen Mittelstandes. Egmont Jenny, Jahrgang 1924, genoss wenige Kilometer entfernt in Lana die weltoffene Erziehung eines Vorarlberger Apothekers und einer Mailänder Lehrerin mit argentinischen Wurzeln (vgl. Benedikter 2008, 6–13; Dall’Ò 2010b, 20; Jenny, 2007, 8).

Trotz Kindheit in gesicherten Verhältnissen gerieten alle drei zwangsläufig in den Sog der damaligen gesamtgesellschaftlichen Politisierung, später in die Wirren des Krieges, die für Benedikter und Jenny zusätzlich vom Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern der Option überschattet waren. Dem jungen Mitolo, Zögling der „Gioventù fascista“, lieferten die Ideale des Regimes bereits früh ansprechende ideologische Bezugspunkte und Karrierechancen. Auch Benedikter sammelte zu Gymnasialzeiten als Mitarbeiter der einschlägigen Zeitschrift „La Provincia di Bolzano“ erste journalistische Erfahrungen. An der Universität Neapel vertiefte er im Anschluss daran seine Rechts- und Sprachkenntnisse und entschied sich im Zuge der Option vorerst für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft. Jenny optierte gemeinsam mit seinem Vater für das Deutsche Reich, beendete seine Schulbildung jedoch bei seiner Mutter in Meran und begann noch 1943 ein Medizinstudium in Bologna.

Die letzten Kriegsjahre überstanden alle drei an unterschiedlichen Fronten. ­Jenny in den Reihen der deutschen Wehrmacht in Norditalien, Benedikter – 1943 in die deutsche Wehrmacht eingezogen – in russischer Kriegsgefangenschaft und Mitolo als italienischer Flugzeugpilot in Deutschland, später als junger Mitstreiter in Mussolinis Repubblica di Salò. Bei Kriegsende war der Älteste, Benedikter, erst knappe dreißig Jahre alt, aber wie Mitolo, Jenny und viele Überlebende ihrer Generation bereits mit prägenden Erlebnissen und dem Scheitern großer, wenngleich gegensätzlicher, politischer Illusionen konfrontiert worden (Dall’Ò 2010b, 20; Gonzato 2010, 14f; Benedikter 2008, 17–25; Jenny 2007, 64–104).

3. Alfons Benedikter und Pietro Mitolo: Die Politik des ethnischen Tauziehens

Der Wiederauftakt des demokratischen Lebens markierte in Südtirol nur oberflächlich eine einschneidende Zäsur. Traditionelle gesellschaftliche Konfliktlinien und politisches Führungspersonal blieben im neu entstandenen Parteiensystem auch nach 1945 über Jahrzehnte weitgehend intakt. Alfons Benedikter und Pietro Mitolo starteten als junge Kriegsheimkehrer unter diesen Vorzeichen umgehend ihre politischen Karrieren. Benedikter begann bereits 1945 als engagierter SVP-Bezirkssekretär im Vinschgau und schaffte bei den ersten Landtagswahlen 1948 auf Anhieb den Sprung in den Landtag. Mitolo war 1947 Gründungsmitglied der Bozner Sektion des neofaschistischen MSI und ab 1948 einer dessen führenden Vertreter im Bozner Gemeindrat (Pallaver 2007c, 589–594; Benedikter 2008, 30f; Gonzato 2010, 14).

Die politischen Zielsetzungen beider Politiker und ihrer Parteien waren einander stets diametral entgegengesetzt und der Konflikt ihrer Interessen überlagerte die gesamte politische Diskussion der 1950er- und 60er-Jahre mit steigender Intensität. Die SVP strebte als ethnische Sammelpartei aller deutsch- und ladinischsprachigen SüdtirolerInnen die Verwirklichung einer rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Absicherung der Minderheit im italienischen Staatsverband an. Der MSI sammelte demgegenüber den harten Kern jener italienischen Modernisierungsverlierer, die nach dem Ende des Faschismus persönliche Privilegien verloren hatten und in einer funktionierenden Regionalautonomie den italienischen Charakter Südtirols gefährdet sahen. In diesem Klima gelang der SVP bis Mitte der 1960er-Jahre die Aufrechterhaltung eines breiten Wählerkonsenses unter der deutsch- und ladinischsprachigen Mehrheitsbevölkerung. Der MSI blieb – nicht zuletzt aufgrund seines Antisystemcharakters auf nationaler Ebene – auch in Bozen vorerst eine Kleinpartei, die bis 1960 aber vor allem unter den italienischen Zuwanderern in Bozen an Wählerkonsens gewann. Durch taktische Anreize („inserimento“) verstanden es die Neofaschisten, die Politik der regierenden Christdemokraten in Rom wie in Bozen zu beeinflussen und somit die Ausgestaltung der Autonomie zu behindern (Pallaver 2007a, 630–636; Sorg 2003, 37–50; Pallaver 2007c, 591f; Ignazi 1997, 98–114).

Innerhalb der SVP zählte Alfons Benedikter seit jeher zu den Hardlinern, die Ende der 1950er-Jahre vehement auf eine Konfrontation mit den regierenden Christdemokraten drängten. Mit der Wahl von Silvius Magnago zum SVP-Parteiobmann, später zum Landeshauptmann erweiterte sich auch Benedikters politischer Spielraum. War er bereits seit 1948 Assessor in der Regionalregierung gewesen, wurde er ab 1960 Landesrat mit stetig wachsendem Kompetenzbereich und für die folgenden 29 Jahre Magnagos Landeshauptmannstellvertreter. Nach Wiederaufnahme der internationalen Verhandlungen zur Südtirolfrage vor den Vereinten Nationen und nach Abschluss der anschließenden bilateralen Gespräche zwischen Österreich und Ita­lien, zählte Benedikter 1969 vorerst zu den Paketgegnern. Im Anschluss stellte er jedoch­ im Rahmen der nationalen Verhandlungsrunden seine unorthodoxen, wenngleich politisch wie juridisch erfolgreichen Verhandlungsmethoden unter Beweis. Unter seiner federführenden Mitarbeit nahm das Zweite Autonomiestatut über dessen­ Implementierung durch die Durchführungsbestimmungen Gestalt an. Sie bildeten ab Mitte der 1970er-Jahre die Basis für einen rasanten Aufschwung des kulturellen Lebens und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unter der deutschsprachigen Bevölkerung. Mit der gleichzeitigen Einführung eines ethnischen Proporzsystems in sämtlichen Bereichen der öffentlichen Verwaltung, namentlich im Staatsdienst, und durch die zusätzliche Krise der Industrie, in der die ItalienerInnen bislang bevorzugt Arbeit und Verdienst gefunden hatten, wurden allerdings auch die Empfindungen der ethnischen Trennung und das Gefühl der Ungleichbehandlung unter der italienischsprachigen Bevölkerung verstärkt (Benedikter 2008, 30–45; Kronbichler 2010, 4; Dall’Ò 2010a, Heiss 2002, 11).

Das politische Gewicht des MSI hatte in den 1960er- und 70er-Jahren mit dem Regierungseintritt der italienischen Sozialisten auf Staatsebene und den erfolgreichen Verhandlungen zur Südtirolfrage drastisch an Bedeutung verloren. Der Wählerkonsens der Partei war in der Provinz von 7,09 Prozent im Jahr 1960 auf 2,98 Prozent im Jahr 1978 gesunken. Die ideologische Haltung der Partei zu Autonomie und Minderheitenschutz blieb über die Jahre jedoch unverändert und ihre politischen Führungspersönlichkeiten Andrea und Pietro Mitolo ebenso unangetastet in Amt und Würden.

Die Volkszählung aus dem Jahr 1981 bestätigte erstmals die vom MSI jahrelang geschürte Untergangsstimmung der ItalienerInnen. Pietro Mitolos Forderungen nach drastischer Abänderung des von Benedikter mitgestalteten Autonomiestatuts, vor allem die Forderung nach Abschaffung des ethnischen Proporzsystems und nach Verzicht auf die Verpflichtung zur Zweisprachigkeit im Sinne eines besseren Schutzes der italienischen Sprachgruppe, gaben der Partei einen neuerlichen, ungeahnten Auftrieb. Der MSI avancierte 1985 in Bozen zur stärksten Partei der Stadt (22,6 Prozent), 1988 auf Landesebene zur neuen italienischen Sammelpartei (10,29 Prozent), die aufgrund ihrer neofaschistischen Gesinnung und bewusst eingesetzter Radikalisierung der Alltags- und Jugendkultur allerdings weiterhin aus sämtlichen Regierungskoalitionen ausgeschlossen blieb (vgl. Pallaver 2007c, 615f).

Durch diese Ausschlussstrategie geriet jedoch auch das im Zweiten Autonomiestatut festgelegte Prinzip der Konkordanzdemokratie in eine Schieflage, zumal durch die politische Isolierung der stärksten Partei der italienischen Sprachgruppe faktisch auch die Mehrheit der italienischen Wählerschaft von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen blieb. Durch diese Strategie untermauerte die SVP zwar ihre dominante Position innerhalb der Landesregierung, trug allerdings auch ihrerseits zur Steigerung des Unbehagens in breiten italienischsprachigen Bevölkerungsteilen bei, die sich erneut nationalistischen Positionen zuwendeten (vgl. Pallaver 2007b, 538–544).

4. Egmont Jenny: Die Erweiterung des demokratischen Horizonts

Unter gänzlich anderen Prämissen als Alfons Benedikter und Pietro Mitolo stieg Egmont Jenny Ende der 1950er-Jahre in die Landespolitik ein. Während Benedikter und Mitolo nach Kriegsende in Südtirol sofort politische Ämter bekleideten, beendete Jenny sein Medizinstudium an der Universität Innsbruck und begann 1950 eine Facharztausbildung in Wien, wo er im weltoffenen Klima der sozialdemokratisch regierten Metropole seine berufliche und politische Sozialisation vervollständigt hat, bevor er 1956 nach Südtirol zurückkehrte. Vor dem Hintergrund der wachsenden sozialen Spannungen im Land begann Jennys politisches Engagement in den Reihen der Südtiroler Volkspartei an der Seite des liberal gesinnten Hans Rubner und des jungen Hans Benedikter (Jenny 2010, 64–79; Jenny 2007, 8f).

Jenny hatte früh erkannt, welche strukturellen Defizite in der schwach organisierten Honoratiorenpartei bestanden, die sich im Sinne der Parteiführung in erster Linie mit ethnischen Themen beschäftigte, eine stärkere Diskussion von sozialen Problemen und die Inklusion breiter Bevölkerungsschichten in den Diskussionsprozess aber nicht ermöglichte. Im Rahmen der internationalen Verhandlungen zur Südtirolfrage erkannte auch Österreichs damaliger Außenminister Bruno Kreisky dieses demokratische Defizit und motivierte Jenny zur Solidarisierung einer sozialdemokratischen Komponente in den Reihen der konservativen Südtiroler Volks­partei. Auf Nachdruck Kreiskys wurde Jenny 1964 auf die Landtagsliste der SVP gesetzt und auch gewählt, innerhalb der Partei aber schrittweise isoliert und 1966 – parallel zum Machtverlust Kreiskys in Österreich – als unliebsamer Kritiker aus der SVP ausgeschlossen (Jenny 2010, 105–117; Jenny 2007, 8f; Gatterer 2009, 47–51).

Mit Unterstützung der SPÖ formierte Jenny im Anschluss die Soziale Fortschrittspartei (SFP), mit der es ihm gelang, in bescheidenem Umfang einen ersten sozialliberalen Gegenpol zur Politik der ethnischen Spannung aufzubauen. Jenny thematisierte vernachlässigte gesellschaftspolitische Themen der damaligen Zeit, forderte den Ausbau von Arbeitsplätzen und Bildungschancen, die Gründung einer Universität, die Gleichstellung der Geschlechter und vor allem die Nutzung der Autonomie für einen kulturellen Anschluss der vielfach noch rückständigen Provinz an ihre europäischen Nachbarn. Mit einer Wahlempfehlung für den Trentiner Sozialisten Renato Ballardini animierte Jenny 1972 erstmals zur Überwindung der strikten ethnischen Trennung und signalisierte dadurch die Möglichkeit zum sprachgruppenübergreifenden Dialog an der politischen Basis. Mit dieser ambitionierten Entscheidung rüttelte er gleichzeitig an den Grundpfeilern der Macht, erntete damals in den Reihen der deutschsprachigen SüdtirolerInnen hierfür aber wenig Verständnis. Auch innerhalb der SFP wurde die Wahlempfehlung nur von einer Minderheit mitgetragen und Jennys politischer Abstieg dadurch bereits vorgezeichnet (Gatterer 2009, 47–61).

Das deutschsprachige Oppositionspotenzial sammelte sich ab 1973 in der parallel gegründeten und ethnisch geschlossenen Sozialdemokratischen Partei Südtirols (SPS), deren Proteststimmen mit der Gründung eines moderaten Arbeitnehmerflügels in der SVP recht bald wieder zur Volkspartei zurückflossen, während Alexander Langer junge ethnische GrenzgängerInnen ab 1978 unter dem Symbol der Neuen Linken/Nuova Sinistra sammelte und längerfristig organisierte. Mit Jennys Wahlniederlagen als Spitzenkandidat der SFP im selben Jahr und als Exponent einer rundum erneuerten SPS im Jahr 1983 verschwand die politische Plattform der Südtiroler Sozialdemokratie hingegen nach 1921 und 1948 nunmehr zum dritten Mal in der politischen Versenkung (Gatterer 2009, 47–61).

5. Leiser Abgang, späte Einsicht und langfristiger Erfolg

Die Geschichtsschreibung weist nicht nur Egmont Jenny, sondern auch Alfons Benedikter und Pietro Mitolo letztlich als politische Verlierer aus. Benedikter blieb trotz seiner enormen Verdienste um die Ausgestaltung der Autonomie stets der zweite Mann im Schatten von Silvius Magnago und konnte sich nach dessen Amtsübergabe an Luis Durnwalder nur schwer von erworbenen Machtpositionen lösen. Aus Protest gegen den erfolgten Paketabschluss, gegen die endgültige Beilegung des Streits zwischen Österreich und Italien vor den Vereinten Nationen und gegen seinen Ausschluss aus der Regierungsverantwortung nach 40-jähriger Amtszeit wechselte Benedikter von 1993 bis 1998 ein letztes Mal für die Union für Südtirol auf die harte und undankbare Oppositionsbank, wo er seine langjährige politische Karriere beendete (Pallaver 2007c, 613f; Kronbichler 2010, 4; Dall’Ò 2010a, 17).

Auch Pietro Mitolo hat den MSI von 1948 bis zu dessen Auflösung in mehreren politischen Institutionen vertreten, bis 1964 im Bozner Gemeinderat, von 1973 bis 1994 im Südtiroler Landtag, parallel dazu von 1992 bis 1994 auch im Europaparlament. Für die Nachfolgeparteien des MSI, Alleanza Nazionale, später Popolo delle Libertà, saß er u. a. von 1994 bis 2001 im italienischen Parlament (Gonzato 2010, 14). Obwohl Mitolo in allen diesen Funktionen maßgeblich am späten Aufstieg der italienischen Rechten in Südtirol beteiligt war, musste er spätestens Mitte der 1990er-Jahre eingestehen, durch die jahrzehntelange Fundamentalopposition gegen die Autonomie eine konstruktive Mitgestaltung der Institutionen versäumt und dadurch auch selbst zum Ausschluss zahlreicher ItalienerInnen vom politischen Entscheidungsprozess in Südtirol beigetragen zu haben. Sein Aufstieg zum Berater der Regierung Berlusconi in Südtirolangelegenheiten im Jahr 2004 führte ihm ein letztes Mal vor Augen, dass die SVP auch in Rom in Fragen der Regionalautonomie am politisch längeren Hebel saß. Vor allem aufgrund der historisch gewachsenen Vorbehalte der Volkspartei blieb auch die spät ersehnte Regierungsbeteiligung der italienischen Rechten in der Provinz zu Lebzeiten Mitolos ohne Aussicht auf Erfolg (vgl. Dall’Ò 2010b, 20–23).

Egmont Jenny hat es im Gegensatz zu Alfons Benedikter und Pietro Mitolo weder geschafft in besondere Machtpositionen vorzudringen, noch ist es ihm gelungen, eine sozialdemokratische Partei österreichischer Prägung in der politischen Landschaft Südtirols langfristig zu etablieren. Trotzdem bescheinigte ihm sein Freund Claus Gatterer bereits 1975, er habe durch persönliches Engagement zum Vorteil aller in Südtirol „etliches umgeackert, vieles gesät“, ohne selbst große Teile des Ertrags daraus zu ernten (Gatterer zitiert nach Jenny 2007, 257f). Südtirols Entwicklung der letzten Jahrzehnte gibt Gatterers Kommentar wie Jennys politischem Engagement in dieser Hinsicht recht. Wenngleich die ethnische Logik nach wie vor das bestimmende Element im politischen System geblieben ist, haben sich auf Ebene der Parteien sowie in den Bereichen Arbeit, Wirtschaft, Kultur und Bildung seit den späten 1980er-Jahren anhaltende Erneuerungs- und Differenzierungstrends durchgesetzt, die zu wirtschaftlicher Prosperität geführt und in manchen Bereichen der Zivilgesellschaft auch die Distanz zwischen den Sprachgruppen verringert haben (vgl. Pallaver 2010, 377–399; Heiss 2003, 7–11).

Literaturverzeichnis

Benedikter, Alfons (2008). Erinnerungen. Leben und politischer Weg, Kaltern: Edition Löwentier

Dall’Ò, Norbert (2010a). Das Herz der Kampfmaschine, in: ff – Südtiroler Wochenmagazin, 11.9. 2010, Nr. 45, 15–19

Dall’Ò, Norbert (2010b). Pierino, der gute Faschist, in: ff – Südtiroler Wochenmagazin, 4.3.2010, Nr. 09, 20–23

Delle Donne, Giorgio (2010). Morto Alfons Benedikter, il duro dell’autonomia, teorico della separazione, in: Alto Adige, 4.11.2010, 2

Gatterer, Claus (1991). Südtirol 1930–1945. Eine politische Landschaftsskizze, in: ders.: Aufsätze und Reden, Bozen: Edition Raetia

Gatterer, Joachim (2009). „rote milben im gefieder“. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol, Innsbruck–Wien–Bozen: StudienVerlag

Gonzato, Francesca (2010). È morto Pietro Mitolo. La destra italiana perde il suo nume tutelare, in: Alto Adige, 25. 2. 2010, 14

Heiss, Hans (2002). Der Kraftakt. Südtirol von 1960 bis 1979, in: Solderer, Gottfried (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Band 2, Bozen: Edition Raetia, 7–11

Heiss, Hans (2000). Zwischen den Kriegen, in: Solderer, Gottfried (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Band 2, Bozen: Edition Raetia, 7–11

Heiss, Hans (2003). Schönes neues Südtirol, in: Solderer, Gottfried (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Band 5, Bozen: Edition Raetia, 7–11

Ignazi, Piero (1997). I partiti italiani, Bologna: il mulino

Jenny, Egmont (2007). Bekenntnis zum Fortschritt. Mein Weg zur Sozialdemokratie, Bozen: Edition Raetia

Jenny, Egmont (2010). L’intruso. Egmont Jenny e il suo Sudtirolo, Bolzano: Edition Raetia

Kronbichler, Florian (2010). Alfons Njet, in: Die neue Südtiroler Tageszeitung, 4. November, 4

Pallaver, Günther (2007a). Die Südtiroler Volkspartei, in: Ferrandi, Giuseppe/Pallaver, Günther (Hg.): Die Re­gion Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. I. Politik und Institutionen, Trento: Museo Storico, 629–656

Pallaver, Günther (2007b). Südtirols Konkordanzdemokratie, in: Ferrandi, Giuseppe/Pallaver, Günther (Hg.): Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. I. Politik und Institutionen, Trento: Museo Storico, 527–554

Pallaver, Günther (2007c). Südtirols politische Parteien, in: Ferrandi, Giuseppe/Pallaver, Günther (Hg.): Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. I. Politik und Institutionen, Trento: Museo Storico, 589–628

Pallaver, Günther (2010). Vom ethnischen zum territorialen cleavage, in: Pallaver, Günther (Hg.): Politika 10. Jahrbuch für Politik/Annuario di politica/Anuer de pulitica, Bozen: Edition Raetia, 377–405

Sorg, Arnold (2003). Movimento Sociale Italiano (MSI) und Alleanza Nazionale (AN) in Südtirol, Innsbruck: politikwiss. Diplomarbeit

Verdorfer, Martha (2010). Geschichte und Gedächtnis. Die Erinnerung an die Option von 1939, in: Pallaver, Günther/Steurer, Leopold (Hg.): Deutsche! Hitler verkauft euch! Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol, Bozen: Edition Raetia, 365–383

Pietro Mitolo (links): Unter dem Banner des Neofaschismus um 1960 (rechts) bis herauf in die 1990er-Jahre (Mitte) auf Konfrontationskurs mit der SVP

Alfons Benedikter (links): 1957 in der SVP-Führungsriege um Silvius Magnago (Mitte) und Hans Dietl (rechts). Für viele Italiener ist er auch „il teorico della separazione“ (Giorgio Delle Donne).

Egmont Jenny: Ab Mitte der 1960er-Jahre als Sozialdemokrat im Einsatz für sozialen Fortschritt und ethnische Abrüstung

Abstracts

Dai detriti della guerra alla ­democrazia: Alfons Benedikter,
Pietro Mitolo e Egmont Jenny

Accanto all’ex capo della Provincia, Silvius Magnago, nel 2010 sono deceduti anche i politici regionali Alfons Benedikter, Pietro Mitolo e Egmont Jenny. La loro generazione per molti anni ha influenzato la cultura politica nella provincia e ha caratterizzato i dibattiti attorno alla messa in opera del secondo statuto dell’Autonomia. Un confronto critico delle loro biografie politiche ha lo scopo di illustrare l’ambiente sociale e politico di questa generazione, ma anche di inquadrare diverse posizioni ideologiche, che si sono sviluppati nel sistema politico della provincia su base di un passato comune vissuto in guerra e su forme di una socializzazione/formazione politica, tra loro diverse.

Dales rovines dla vera ala democrazia: Alfons Benedikter, Pietro Mitolo y Egmont Jenny

Pro le Landeshauptmann da denant Silvius Magnago él tl 2010 inće gnü a manćé Alfons Benedikter, Pietro Mitolo y Egmont Jenny, trëi d’atri südtirolesc che é sta protagonisć dla politica regionala por tröc agn. Süa generaziun à condizioné te na manira determinanta la cultura politica te Südtirol y dantadöt les discusciuns politiches sön l’atuaziun y le svilup dl’autonomia.

Tres n confrunt critich de sües biografies déssel gnì ilustré le contest politich y sozial che chësta generaziun â deboriada, sciöche inće les posiziuns ideologiches desvalies che s’à svilupé fora dl contest dla democrazia de concordanza, sön na basa de de medemes esperiënzes de vera y de formes de sozialisaziun desfarëntes.

From the Rubble of War to Democracy: ­Alfons Benedikter, Pietro Mitolo, and ­Egmont Jenny


In addition to former Province Governor Silvius Magnago, three other long-term local South Tyrolean politicians died in 2010: Alfons Benedikter, Pietro Mitolo and Egmont Jenny. Their generation substantively determined the political culture in South Tyrol, especially its political debate about the implementation and organisation of the province’s autonomy. The common social and political environment of this generation will be illustrated, by means of a critical comparison of their biographies. In addition, different ideological positions that have developed within the framework of South Tyrol’s consensus democracy and that are based on shared experiences of war and different forms of socialisation will be presented.