Suchbegriff eingeben...

Inserire il termine di ricerca...

Enter search term...

Katharina Crepaz/Susanne Elsen

Soziale Innovation, Transformation und ­Empowerment während der Covid-19-Krise

Social Innovation, Transformation, and Empowerment during the ­Covid-19-Crisis

Abstract Covid-19, the fight against the pandemic, and its impact on different areas of society have dominated public discourse since March 2020. Many people have lost their jobs, the economy and tourism are suffering, and those working in the cultural sector have been hit particularly hard by the loss of public life and the impossibility of holding concerts, theater performances, readings, etc. In these difficult times for society as a whole, however, one repeatedly encounters the narrative of the crisis as a possible opportunity for innovation and as an accelerator of social change toward digitalization and sustainability. Indeed, it is likely that some of the changes made during the pandemic – the possibility of working remotely, the reduction of business travel, holding meetings through videoconferencing tools – are here to stay even after Covid-19 has passed. Working from home frees up commuting time that can be spent with family or doing community work; further, it allows remote rural areas to become attractive living spaces. Regional and local cycles and economies are strengthened, as is the connection to our immediate environment and its resources. The pandemic provided a transformational thrust, and made for sudden and very rigorous changes that a non-crisis period would hardly have allowed at this pace. Social innovation, paired with support for transformation processes through the empowerment or enabling of those involved, can help to move from reacting to the crisis to concretely shaping our future. While both social innovation and empowerment are not new concepts, we argue that they could become more prevalent in a post-Covid-19 world, through a newly established openness to re-thinking societal dogmas and structures.

1. Einleitung

Covid-19, der Kampf gegen die Pandemie und ihre Auswirkungen auf unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche dominieren seit März 2020 den öffentlichen Diskurs. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren oder mussten sich mit Kurzarbeit bzw. Lohnausgleichs-Modellen zufriedengeben. Wirtschaft, Gastronomie und Tourismus leiden, und die Kulturschaffenden sind besonders stark vom Wegfallen des öffentlichen Lebens und der Unmöglichkeit von Konzerten, Theatervorstellungen, Lesungen usw. betroffen. In dieser gesamtgesellschaftlich schwierigen Zeit begegnet einem aber auch immer wieder das Narrativ von der Krise als mögliche Chance für Innovationen und als Beschleuniger eines gesellschaftlichen Wandels hin zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

In der Tat könnte es sein, dass sich solche Entwicklungen auch längerfristig abzeichnen. Vieles davon, was seit Corona plötzlich Gang und Gäbe ist, wäre schon länger technisch möglich – z. B. eine Reduzierung von Dienstreisen durch vermehrten Einsatz von Videokonferenzen, oder die Möglichkeit für Home-Office und Smart Working für viele Bürojobs, die mit All-In-Verträgen mit Überstundenpauschale statt Einzelvergütung sowieso schon längst nach Resultaten und nicht nach reinen Arbeitsstunden ausgerichtet sind. Die Reduzierung von täglich für ins Büro-Pendeln aufgewendeter Zeit schafft neue Freiräume, und macht auch Regionen jenseits der großen Ballungszentren als Lebensraum wieder attraktiv.

In diesem Zusammenhang kann eine Rückbesinnung auf das Regionale die Kreisläufe und Gemeinschaften vor Ort stärken und zum Nachdenken darüber anregen, wie wir mit unserem Lebensraum und seinen Ressourcen zukünftig umgehen möchten. Wir haben durch die Corona-Pandemie und die plötzlichen und sehr rigoros eingetretenen Veränderungen einen Transformationsschub erfahren, den eine Nicht-Krisenzeit wohl kaum in diesem Tempo zugelassen hätte. Nun gilt es der Frage nachzugehen, wie eine solche von außen erfolgte Transformation konkret ausgestaltet werden kann, und wie Personen vom Reagieren zum Agieren kommen können. Eine Antwort darauf ist das Setzen auf soziale Innovationen, gepaart mit der Unterstützung von Transformationsprozessen durch Empowerment, also eine Ermächtigung bzw. Befähigung der Beteiligten, die somit mehr Gestaltungsfreiheit für unterschiedliche Bereiche ihres Lebens erlangen können. Soziale Innovation und Empowerment sind keine neuen Konzepte, aber Ideen, die sich in einer Post-Covid-19-Welt durch mehr gesellschaftliche Offenheit für ein Überdenken geltender Dogmen vermehrt durchsetzen könnten.

Zu Beginn dieses Beitrags soll eine Begriffsklärung vorgenommen, sollen die zentralen Konzepte der sozialen Innovation und der Forschung zum Thema vorgestellt werden. Ein weiterer Grundgedanke ist die systemische Vernetzung verschiedener Lebensbereiche; Veränderungen in einem Bereich haben immer auch Auswirkungen auf andere Bereiche. Um soziale Innovation nachhaltig zu fördern, muss diese also auch in Wirtschaft, der Infrastruktur- und Umweltpolitik – neben dem Sozialen und dem Arbeitsmarkt – verankert werden. Die Vernetzung der unterschiedlichen Bereiche wird anhand von Polanyis Konzept der Embeddedness aufgezeigt, als Beispiel für eine solche vernetzte Herangehensweise an große gesellschaftliche Herausforderungen fungieren die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (United Nations 2020). Diese tragen Partizipation und Empowerment bereits als Grundgedanken in sich – verschiedene Stakeholder/-innen sollen zusammen­arbeiten und gehört werden, um so gemeinsame vielfältige Perspektiven zu erhalten und synergetisch verschiedene Ziele umsetzen zu können. Sie können die Erfahrung der eigenen Fähigkeiten und Handlungsmacht bekommen, die sie dann wiederum zu Treiber/-innen von Innovationen machen kann. Abschließend werden bereits spürbare Auswirkungen und Innovationen, die sich aus der Krise ergeben haben, vorgestellt (unter anderem die Aufwertung der Peripherien, neue Konzepte der kooperativen lokalen Nahraumversorgung, Zusammenschlüsse für nachhaltige Entwicklung). Für eine Wertung und Analyse von deren Nachhaltigkeit ist es aber zu diesem Zeitpunkt noch zu früh. Daher ziehen wir die kürzlich von Eurac Research in Kooperation mit internationalen Wissenschaftler/-innen erarbeiteten Zukunftsszenarien für Südtirols Gesellschaft post-Covid-19 heran, und stellen zwei besonders auf Innovationen fokussierte Szenarien genauer vor.

2. Soziale Innovation

Über soziale Innovation wird nicht erst seit der Corona-Krise diskutiert; die Herausforderungen, vor die uns Covid-19 stellt, haben aber dazu beigetragen, dass das Thema vermehrt in den Fokus des öffentlichen Diskurses gerückt ist. Wie viele neu aufkommende Buzzwords ist auch Innovation mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzt, und mag – gerade auch im Bereich sozialer Innovation – für unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Konzepten behaftet sein. Eine genauere Auseinandersetzung mit sozialer Innovation sowie eine Klärung von Definitionen und zentralen Begriffen soll daher am Anfang dieses Beitrags stehen.

Unter sozialer Innovation ist „die Herausbildung, Durchsetzung und Verbreitung von neuen sozialen Praktiken in allen gesellschaftlichen Bereichen“ (Elsen 2014, 231) zu verstehen. Um solche Innovations- und Transformationsprozesse, die durchaus auch disruptive Elemente haben und nicht immer gesellschaftlich willkommen sind, anzustoßen, braucht es Pionier/-innen – der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter (1964) bezeichnete diese als Entrepreneure. Während wir diesen Begriff heute rein auf Unternehmer-/innen anwenden, war er bei Schumpeter durchaus ganzheitlicher gedacht: Entrepreneure sind „[…] initiative Menschen, die eine Vorstellung von zukunftsfähigen und nachhaltigen Lösungen haben, und diese erfolgreich gemeinsam mit anderen umsetzen und verbreiten“ (Elsen 2014, 231). Die Definition der Entrepreneur/-innen beinhaltet also bereits das Element der Kollaboration mit anderen Personen, der Selbstorganisation und des Netzwerkens von Menschen, die gemeinsam an neuen Ideen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen arbeiten.

Dieses Prinzip der Kollaboration zeigt sich auch durch eine Vernetzung von Elementen, die vorher getrennt waren oder zumindest im öffentlichen Diskurs so betrachtet wurden, z. B. Ressourceneffektivierung durch neue umweltverträglichere Technologien, oder politische Partizipation bisher marginalisierter Gruppen, durch die neue Sichtweisen und Ansätze eingebracht werden. Ansätze des ökosozialen Wirtschaftens (vgl. Biesecker/Kesting 2003) und deren Integration von sozialen, ökonomischen und ökologischen Belangen weisen auf das Potential sozialer Innovationen hin. So wird z. B. die Externalisierung sozialer und ökologischer Effekte des Wirtschaftens abgewendet. Durch neue Ideen, Akteur/-innen, Kollaborationen und Arbeitsweisen wird somit ein gesamtgesellschaftlicher Wandel eingeleitet:

„Soziale Innovationen bewirken also neue Lösungen einzelner sozialer Praktiken, aber auch institutioneller Arrangements und gesellschaftlicher Paradigmen. Ein wesentlicher Aspekt sozialer Innovationen besteht in der Tatsache, dass sie zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen und als Verbesserungen gegenüber dem bisherigen verstanden werden“ (Elsen 2014, 232).

Als Verbesserungsansatz kommen soziale Innovationen also genau dort zum Tragen, wo derzeitige gesellschaftliche Praktiken und Lösungsmodelle als unzureichend angesehen werden, oder wo es konkrete Bedarfe gibt, denen nicht Rechnung getragen wird. Solche Problemstellungen ergeben sich im gesellschaftlichen Alltag natürlich laufend, gesellschaftliche Krisen wie Covid-19 tragen jedoch zusätzlich dazu bei, diese aus dem Verborgenen an die Oberfläche zu bringen. Konkrete Kritikpunkte waren z. B. eine zu große Abhängigkeit vom globalisierten Wirtschaftssystem, die Forderung nach einer Stärkung von lokalen Angeboten und Versorgungsketten, aber auch familienpolitische Ansätze, wie das Problem der nach wie vor Großteils auf den Frauen lastenden Care-Arbeit. Ein weiterer großer Diskussionspunkt war die Digitalisierung der Arbeitswelt: Die nötige Technologie steht schon seit Jahren zur Verfügung, wirklich genutzt wurden neue, örtlich flexible Arbeitsformen aber erst, sobald Covid-19 die vorherrschende Präsenzpflicht zumindest zeitweise unmöglich machte.

Während diese Entwicklung auch Gefahren birgt (Stichwort right to disconnect und potentielle Gefahren ständiger Erreichbarkeit), bietet sie auch viele Chancen: Eine flexible und bedürfnisorientierte Einteilung von Arbeitszeiten, berufliche Chancen auch für Mitarbeiter/-innen, die aufgrund anderer Verpflichtungen (z. B. Pflege) eben nicht immer präsent sein können, sowie eine Aufwertung ländlicher Gebiete als Lebensraum und eine Entlastung der städtischen Ballungszentren. Vom ökologischen Standpunkt her sind ein vermehrtes Hinterfragen der Notwendigkeit von Dienstreisen und Einschränkungen im Pendelverkehr positiv zu werten. Soziale Bewegungen wie Fridays for Future haben hier mit Sicherheit bereits bewusstseinsbildende Vorarbeit geleistet, eine wirklich gesamtgesellschaftliche Verhaltensänderung trat aber erst in der Krise ein. Kurzum, viele Ideen, die vorher als nicht umsetzbare Sozialromantik gebrandmarkt wurden, lagen plötzlich sehr wohl im Bereich des Möglichen.

Die Corona-Krise fungiert also als beschleunigende Kraft von Innovationsprozessen. Doch die dahinterstehende Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen wird bereits länger geäußert. Das heutige, auf ständigem wirtschaftlichem Wachstum basierende Modell erweist sich als nicht nachhaltig, das Versprechen des ständig wachsenden Wohlstands für alle als nicht haltbar. Wir befinden uns, nach Corona mehr denn je, in der „Postwachstumsgesellschaft“ (Seidl/Zahrnt 2010), ein ständiges „höher, schneller, weiter“ ist nicht mehr machbar. Soziale Innovationen müssen diesen Grenzen des Wachstums Rechnung tragen; sie beschäftigen sich daher mit einem geringeren und effektiveren Ressourcenverbrauch, mit der Wiederverwendung von Ressourcen, einer Rückkehr zu kleineren Maßstäben bei organisatorischen Einheiten, Re-Lokalisierung und der Adaption sozialer und ökologischer Effekte wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen (Elsen 2014, 234).

Im von Amartya Sen (2000) und Martha Nussbaum (1999) vertretenen Capa­bility-­Approach wird daher, wie der Name schon vermuten lässt, auf Fähigkeiten und Vor­aus­setzungen für die individuellen Entwicklungschancen von Menschen gesetzt. Zentral ist die Frage, welche Rahmenbedingungen ein „gutes Leben“ ermöglichen. Hier wird klar, dass soziale, ökonomische und ökologische Aspekte verknüpft wirken, und dass man einen Bereich nicht ohne den anderen betrachten bzw. auch nachhaltig verändern kann. In einer weltweiten Gesundheitskrise soll daher auch erwähnt werden, dass Gesundheit eben nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern ein Zustand „of complete physical, social and mental well-being“ (WHO 2020) ist, und dass sich insbesondere soziales und geistiges Wohlbefinden eben auch in großem Maße aus den jeweiligen Lebensumständen speisen. Ein ganzheitlicher Ansatz ist daher auch für ein Herangehen an Probleme moderner Gesellschaften dringend nötig.

Bereits 1993 stellte Ulrich Beck solche Überlegungen zu einem vernetzten und umfassenden Blick auf gesellschaftliche Prozesse an: Sein Konzept der reflexiven Modernisierung denkt Modernisierung als „Spezialisierung auf den Zusammenhang“ (Beck 1993, 189). Da die moderne Welt so globalisiert und miteinander verbunden ist, kann es keine internationalen Entwicklungen mehr geben, die sich nicht auf das Leben des Einzelnen auswirken würden – man vergleiche dazu z. B. den Beginn der Corona-Pandemie, als es in Europa zwar noch keine Fälle gab, aber Lieferengpässe aus China schon bestimmte Produktionsketten beeinträchtigten. Als Gegenentwurf sieht Beck einen Wandel in Politik und Gesellschaft, der unter anderem eine Re-Lokalisierung der Ökonomie sowie die Förderung von Selbstorganisation der Bürger/-innen beinhaltet.

Habermas (1981) weist besonders auf die Funktion einer kommunikativ struk­turierten und von Solidarität geprägten Lebenswelt als zentrales Element für die Möglichkeit zur Selbstinitiative der Bürger/-innen hin. Diese stärkt die eigene Akteurs­qualität und macht einige der unter anderen von Ulrich Beck propagierten Veränderungen (Re-Lokalisierung, Selbstorganisation) überhaupt erst möglich. Eine soziale Innovation, die daraus entstanden ist, sind die Gemeinwesenökonomien. Diese sind nicht rein auf Profit ausgelegt, sondern möchten nachhaltig arbeiten und auch einen Mehrwert für die daran beteiligten Menschen schaffen: „[…] Wirtschaften [ist] von den Bedürfnissen der Menschen, des Gemeinwesens und den Erfordernissen der Biosphäre aus zu denken“ (Elsen 2014, 246). Eine Möglichkeit sind z. B. Genossenschaften, deren überwiegend lokaler und regionaler Aktionsradius sie für Ansätze nachhaltiger Entwicklung sehr interessant macht (Elsen 2014, 250). Genossenschaftliche Organisationsformen finden sich dabei im landwirtschaftlichen und sozialen Bereich, aber auch vermehrt zum Thema Wohnen, zum selbstbestimmten Leben im Alter, und im Bereich der Energieversorgung. Sie ermöglichen zivilgesellschaftliche Mitbestimmung, Gestaltung von lokalen Lebensräumen und auch eine selbstverwaltete Entscheidung über die erzielten Gewinne, die dann wiederum in gemeinwohlorientierte Projekte investiert werden können. Ideen und Vorschläge sind also im Bereich sozialer Innovation in vielfältiger Weise vorhanden – eine Umsetzung scheitert aber häufig an gegebenen Interessenkonstellationen. Die Covid-19-Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass das Paradigma des unbegrenzten Wachstums nicht unumstößlich ist. Abseits aller „Krise als Chance“-Diskurse, die häufig die großen Probleme in der Lebensrealität der Menschen verkennen, besteht hier nun ein vorher nicht vorhandenes Bewusstsein, welches man für positive Veränderungen nutzen kann.

3. Innovation, Transformation und Empowerment

“To allow the market mechanism to be sole director of the fate of human beings and their natural environment indeed, even of the amount and use of purchasing power, would result in the demolition of society. For the alleged commodity ‘labor power’ cannot be shoved about, used ­indiscriminately, or even left unused, without affecting also the human individual who appears to be the bearer of this particular commodity” (Polanyi 2006, 76).

In seinem sehr einflussreichen Werk „The Great Transformation“ beschreibt der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi den Übergang von vormodernen gesellschaftlichen Organisationsformen zum marktwirtschaftlichen Modell. Polanyi zeigt dabei auf, dass die Embeddedness, also die Einbettung wirtschaftlichen Handelns in soziale Prozesse, immer weiter zurückgedrängt wurde. Er fordert, diese Entwicklung umzukehren, da auch in marktwirtschaftlichen Prozessen die Ressourcen Natur und Mensch und deren gesellschaftliche Einbettung im Vordergrund stehen müssen.

Geschrieben im Jahr 1944, unmittelbar nach dem Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus und deren verheerenden Auswirkungen auf Europa und die Welt, vertritt „The Great Transformation“ die These, dass totalitäre Ideologien ihre Ursache in einer nicht funktionierenden Marktwirtschaft haben. Polanyi plädiert daher für eine Umorientierung hin zu einer nicht rein profitorientierten Ökonomie, die die Bedürfnisse ihrer Ressourcen (Natur, Arbeitskräfte) ernst nimmt und sie so erhält:

“After a century of blind ‘improvement‘ man is restoring his ‘habitation‘. If industrialism is not to extinguish the race, it must be subordinated to the requirements of man’s nature. The true criticism of market society is not that it was based on economics – in a sense, every and any society must be based on it – but that its economy was based on self-interest” (Polanyi 2006, 257).

Polanyis Kritik ist weiterhin aktuell und könnte genauso gut heute geäußert worden sein. Die Fridays for Future-Bewegung tritt bereits seit einigen Jahren weltweit für einen nachhaltigeren Umgang mit unserer Umwelt und einen entschlosseneren Kampf gegen den Klimawandel ein. Die Corona-Krise bewog die Menschen zusätzlich zu Überlegungen, dass es ein ständiges „höher, schneller, weiter“ im Kontext eines begrenzten Globus nicht gibt, zu einer veränderten Sichtweise auf ein mögliches Ende des Wachstums nicht nur als Krise, sondern auch als Chance für eine schon lange fällige nachhaltige gesellschaftliche Veränderung. Vom „höher, schneller, weiter“ also hin zu einem lentius, profundius, suavius, also „langsamer, tiefer, sanfter“, im Sinne Alexander Langers. Dieser beschrieb bereits im Rahmen der Toblacher Gespräche 1994 mögliche Schritte für diesen Wandel: Regional-basiertes Wirtschaften, das den Stakeholder/-innen Mitsprache und Kontrolle erlaubt; ein ökologisch orientiertes Tarif- und Steuersystem und eine „Umweltverträglichkeitsprüfung“ im weiteren Sinne, die auch die langzeitigen sozialen, kulturellen und ökologischen Folgen jedes Projektes abwiegen muss, und „nicht ohne soziale Mitbeteiligung der Betroffenen“ (Langer 1994) geschehen darf.

In den Sustainable Development Goals der UN sind diese Forderungen zumindest teilweise umgesetzt worden. Der Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung geht mit der Einbindung der Bevölkerung einher, die als zentraler Partner gesehen wird, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Zu den 17 Sustainable Development Goals zählen unter anderem Good Health and Well-Being, Quality Education, Gender Equality, Clean Water and Sanitation, Decent Work, Climate Action, und Reduced Inequalities – eine große Bandbreite, die zeigt, dass alle Gesellschaftsbereiche eingebunden werden müssen, und dass nicht nur ökologische sondern auch soziale ­Themen eine Rolle für Nachhaltigkeit spielen (UN 2020). Als erstes internationales Entwicklungspolitisches Dokument wurde die „2030 Agenda for Sustainable Development“ auch partizipativ und unter der Einbindung internationaler Stakeholder/-innen erarbeitet. Ein solcher Ansatz gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, nicht nur Empfänger/-in zu bleiben, sondern aktive soziale Akteur/-innen mit eigenen Werten, Prioritäten und Strategien für Veränderungen zu werden (Clark et al. 2019, 392). „Die ökologische Wende wird sich nur durchsetzen, wenn sie auch sozial wünschbar erscheint“ (Langer 1994). Dies unterstreicht nochmals die zwingende Verknüpfung von Bestrebungen für Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit Veränderungen auf der sozialen Ebene. Ein zentrales Element ist hierbei Partizipation, also das aktive Mitgestalten einer ebensolchen Veränderung durch Bürger/-innen, die dazu „befähigt“, also empowered im wortwörtlichen Sinne, aber auch in einem adäquaten Verständnis demokratischer Teilhabe berechtigt, also entitled werden.

Das Cambridge English Dictionary definiert Empowerment als „the process of gaining freedom and power to do what you want or to control what happens to you“ und als „the process of giving a group of people more freedom or rights“ (Cambridge Dictionary 2020) – es gibt also sowohl einen aktiven als auch einen passiven Aspekt. Man muss die Rahmenbedingungen schaffen, und solche Freiheiten und Rechte müssen politisch gewollt sein – ob sie auch genutzt werden oder nicht, obliegt dann den partizipierenden Bürger/-innen selbst. „Social innovation differs from general processes of social change in that relevant stakeholders must stand behind it, actively asserting and implementing its novel qualities, without any guarantee of its success“ (Schubert 2018, 380) – die involvierten Stakeholder/-innen und deren Vertrauen in transformative Ideen sind also die treibende Kraft hinter sozialen Innovationsprozessen. Zu bedenken gilt jedoch, dass die durch soziale Ungleichheit konstruierten gesellschaftlichen Demarkationslinien Teilhabe benachteiligter Gruppen zu einer Aufgabe von politischer Bildung und aktiver Förderung machen. Die Förderung von Selbsthilfe und Selbstorganisation durch Methoden des Community Development spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Ohne den schon zitierten Entrepreneurial Spirit können Innovationen nicht stattfinden und nicht erfolgreich sein. Politische Akteur/-innen können Rahmenbedingungen schaffen, das Zusammenfinden von interessierten und engagierten Personen muss aber bottom-up passieren. Soziale und technologische Innovation stehen dabei in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander (Schubert 2018, 377). Technischer Fortschritt bedingt Antworten auf dadurch verursachte Probleme und Herausforderungen, kann aber andererseits auch für Empowerment und einen erweiterten Handlungsspielraum genutzt werden.

In der Corona-Krise ist das durch die Pandemie erzwungene Fortschreiten von Digitalisierung ein Paradebeispiel für eine solche Wechselwirkung: Die technischen Möglichkeiten für Videokonferenzen und Homeoffice bestehen schon seit Jahren, waren jedoch bisher von einer präsenzorientierten Arbeitskultur nicht gewünscht. Nun werden diese ausgiebig genutzt und bieten damit ihrerseits Innovationspoten­tial, z. B. eine klimaförderliche Reduktion von Dienstreisen, die sich wohl auch nach Corona fortsetzen wird. Konferenzformate können ressourcenschonender und somit egalitärer zugänglich gemacht werden. Ähnliches gilt für Universitäten, die per Fernlehre und insbesondere mit asynchronen – also auch zeitversetzt abrufbaren – Bildungsangeboten auch arbeitenden Studierenden, Familienvätern- und Müttern und Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten ein Studium vielleicht überhaupt erst ermöglichen. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch deutlich die Notwendigkeit, die Teilhabemöglichkeiten benachteiligter Gruppen durch neuartige Ansätze zu fördern, die den Anschluss an die neuen Möglichkeiten bieten könnten.

Die Herausforderungen, die eine Pandemie mit sich bringt, sind also international und global, während partizipativ gestaltete Ansätze meist lokale Lösungen darstellen. Dies ist allerdings kein Widerspruch, wie Clark, Biggeri und Frediani (2019, 393 – 394) feststellen:

“If participatory debates on global issues are going to continue to capture the imagination of more and more people from around the world, the local arena will increasingly become the space in which real and tangible change is enacted. Such change, however, is only likely to succeed in cases where it is endorsed locally and cultivated through endogenous processes. […] This means that the local – or territorial – level should be regarded as the appropriate place for pursuing sustainable human development […] It also means that development must be conceived of, and facilitated through, genuinely participatory processes”.

Ökosoziale Veränderungsprozesse müssen also lokal ausgerichtet sein, und sich somit auf einer Ebene abspielen, auf der Transparenz und Nachvollziehbarkeit gegeben sind. Sie müssen zudem partizipativ sein, und die Fähigkeiten, Bedürfnisse (nach Sens capabilities) und Wünsche der beteiligten Personen berücksichtigen. Empower­ment passiert daher lokal, partizipativ und bottom-up – ein auch in der Corona-Krise viel propagierter Ansatz. Es trägt zum Übernehmen einer aktiveren Rolle bei und vermittelt eine verstärkte Wahrnehmung von eigener Kompetenz, Selbstbestimmung, Bedeutung und Einfluss, was wiederum zu mehr Engagement auch im Sinne einer sozialen Entrepreneurship führt (Henao-Zapata/Peiró 2018, 192). Dies verdeutlicht den Zusammenhang von Innovation und Empowerment; aus Empowerment entstehen Innovationen, die wiederum das Gefühl einer Befähigung verstärken und so weitere Innovationen und Entrepreneurship in vernetzten Gesellschaften ermöglichen. Aus innovativen Ansätzen entstehen demnach auch verstärkt neue Formen der Selbst-Organisation, die von Partizipation und Lokal-Orientierung geleitet werden. Dies bedingt eine unmittelbarere Verbundenheit mit dem Territorium, die sich auch in einem nachhaltigeren, ökologischeren Wirtschaften und in einem gesünderen Arbeitsumfeld niederschlägt (Bernhard et al. 2020, 6). Im nächsten Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, welche Innovationen sich in der Covid-19-Pandemie beobachten lassen und wie mögliche Zukunftsszenarien in einem Post-Covid-Kontext aussehen könnten.

4. Zukunftsszenarien – Wohin nach der Krise?

Der derzeitige öffentliche Diskurs postuliert „Krise als Chance“ – dies ist einerseits einem gewissen Zweckoptimismus geschuldet, der teilweise leider auch ein Herunter­spielen der enormen negativen Konsequenzen der Covid-19-Pandemie auf bestimmte Sektoren (insbesondere z. B. auf Kulturschaffende) mit sich bringt. Andererseits stößt die Krisensituation, gespeist auch von schon vorher geführten Diskussionen z. B. im Rahmen der Fridays for Future-Bewegung, ein wirkliches Nachdenken darüber an, ob ein „weiter so“ möglich, vertretbar oder überhaupt gewünscht ist. Beispiele für Innovationsformen lassen sich auch in Südtirol auf lokaler Ebene finden. So bieten Restaurants nun vermehrt Lieferservices an, und auch landwirtschaftliche Betriebe nutzen zunehmend das Internet, um ihre lokalen Produkte zu vertreiben. Smart Working zeigt, dass viele Bürojobs mit einem PC und einer Internetverbindung von fast überall aus erledigt werden können. Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ sprach in diesem Zusammenhang schon von einer Möglichkeit für die Aufwertung ländlicher Gegenden vor allem im Süden des Landes, die durch digitale Arbeitsmöglichkeiten nun auch wieder eine lebenswertere Alternative zu den großen Ballungszentren bilden können – das sogenannte South Working. Ungefähr 100.000 Menschen, die für norditalienische Firmen arbeiten, sollen so bereits in den südlichen Mezzogiorno, der seit Jahrzehnten unter Abwanderung leidet, zurückgekehrt sein. Wenn man es schafft, nachhaltige Modelle für Smart Working zu entwickeln, könnte dies dem Brain-Drain und der Entvölkerung Süditaliens entgegenwirken (vgl. Amato 2020). Auch für Südtirol sind digitalisierte Arbeitsformen eine Chance, vor allem hochqualifizierte junge Menschen im Land zu halten bzw. diese nach ihrem Studium im Ausland wieder zurückzuholen – laut WIFO (2019) verlassen jährlich 1.700 Personen das kleine Land, von denen 70 Prozent akademisch gebildet sind. „Der Wegzug hat dabei in erster Linie arbeitsbedingte Gründe, da Karrieremöglichkeiten, ausbildungsadäquate Arbeitsplätze und attraktive Löhne in Südtirol vermisst werden“ (WIFO 2019). In einer digitalisierten Arbeitswelt mit Smart Working als Normalarbeitsform, wie sie sicher für viele hochqualifizierte Berufe möglich ist, könnten junge gut ausgebildete Südtiroler/-innen ihre Karrierepläne auch in Südtirol verfolgen. Sie wären dann als Ressource und Zukunftspotential vor Ort, und könnten ihre erworbenen Fähigkeiten konkret einsetzen und sich an der Entwicklung des Landes beteiligen. Möglichkeiten für Koope­ration und Austausch bieten z. B. Co-Working Spaces, die nun auch in länd­lichen Gegenden vermehrt entstehen. Ein solches Beispiel ist der kürzlich entstandene Co-Working Space in der BASIS Venosta Vinschgau. Ziel des Vereins ist

„unter den Aspekten der Aufwertung von Peripherien und aufgelassener Areale sowie der wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit im interkulturellen, transnationalen und intergenerationellen Austausch von Ideen, Wissen, Praktiken, Modellen und Methoden folgende Bereiche [zu] unterstützen und entwickeln: unternehmerische Tätigkeiten, Kreislaufwirtschaft und Sharing Economy, Kunst und Kultur, Region und lokale Identitäten, Forschung, Innovation und neue Technologien“ (BASIS Venosta Vinschgau 2020).

Die flexible Arbeitsmodalität, verbunden mit Co-Working Spaces als Treffpunkten, könnte gerade für die Südtiroler Peripherie zukunftsweisend sein und eine Aufwertung dieser Gegenden bedeuten. Der Zeitgewinn durch Wegfallen des Pendelns, in Südtirol insbesondere ins lokale Ballungszentrum Bozen, schafft täglichen zeitlichen Raum, der zum persönlichen Ausgleich, für die Familie, aber auch für soziales oder politisches Engagement genutzt werden kann.

Auch auf politischer Ebene sind erste Auswirkungen der Krise auf Innovation und Empowerment als vermehrte zivilgesellschaftliche Beteiligung zu spüren. So wurde 2020 der „Zukunftspakt Südtirol“ von einem diversen Netzwerk an Aktivist/-innen, Wissenschaftler/-innen, Unternehmer/-innen usw. ins Leben gerufen. Zen­trale Forderung ist ein Nachhaltigkeitsplan für Südtirol, der unter anderem die Schaffung einer regionalen Kreislaufwirtschaft, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Entwicklung eines nachhaltigen Nahverkehrs, die Ermög­lichung aktiver Teilhabe an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen auf allen Ebenen, die Stärkung von Bildung, Kultur und Wissenschaft, und die Erreichung der Klimaneutralität bis 2035 enthalten soll. Der Zukunftspakt wurde bereits von 1.500 Personen unterzeichnet (Zukunftspakt 2020). Zudem haben sich mit dem Netzwerk für Nachhaltigkeit Südtirol (2020), das die Verbreitung der UN Sustainable Development Goals in Südtirol vorantreiben will, und den Scientists for Future Südtirol (2020) zwei weitere Netzwerke gebildet, die durch partizipative Modelle Empowerment der Bürger/-innen und soziale Innovationen fördern möchten.

Da wir uns inmitten der Transformationsphase befinden, ist es für eine fundierte Evaluation der Auswirkungen der Krise auf Arbeits- und Gesellschaftsstruktur, und insbesondere für die Nachhaltigkeit dieser Veränderungen, noch etwas früh. Ein Blick in die Zukunft und eine vorausschauende Herangehensweise lohnen sich aber trotzdem, insbesondere auf dem Gebiet einer Post-Krisengesellschaft, die für die meisten nach Ende des Zweiten Weltkriegs geborenen Personen die erste Instanz von Wiederaufbau und persönlichem Resilienzverhalten darstellt. Ein Team des Center for Advanced Studies der Eurac Research hat, in Zusammenarbeit mit Mit­ar­bei­ter/-innen anderer Eurac Research Institute und internationalen Wis­sen­schaft­ler/-innen, vier mögliche Zukunftsszenarien nach der Covid-19-Pandemie erarbeitet. Sie zeigen die Entwicklungen und Wege, die sich für Südtirol anbieten könnten, und beschreiben die Ausrichtung und Prioritäten des Landes im Jahr 2030. Für dieses Paper sind vor allem Szenario II und Szenario IV spannend, die von einer Kultur der Zusammenarbeit hin zur globalen Solidarität ausgehen. In Szenario II sind die vorhergesehenen Transformationen und Innovationen globaler und weitreichender, während in Szenario IV vor allem von ökologischer und technischer Entwicklung als Treibern von Innovation und Transformation ausgegangen wird. Als Rahmenrichtlinien für die Studie dienten die oben bereits erwähnten Sustainable Development Goals (SDGs) der UN, sowie der „Green Deal“ der EU.

Das Szenario II postuliert eine „Welt des Neo-Kosmopolitismus“ und steht unter dem Motto „Denke global, handle lokal“. Diese Zukunftsvision geht von einem nachhaltigen und radikalen sozial-ökologischen Umbau aus. Regionale Kreisläufe werden gestärkt, sozial faire und ökologisch nachhaltige Wertschöpfungsprozesse sind zentral. Eine stark vorangetriebene Umverteilungspolitik führt zu mehr Chancengleichheit, finanziert wird dies durch die Einschränkung privater Eigentumsrechte, die vor allem große Konzerne und sehr vermögende Privatpersonen trifft. Der globale Austausch von Ideen findet vor allem durch digitale Technologien statt. Mittels eines sprach- und generationenübergreifenden Zukunftsvertrages wird auf eine sozial und ökologisch verträgliche Neuausrichtung in allen Bereichen hingearbeitet, neue Arbeitszeitmodelle haben sich durchgesetzt und das Ehrenamt und die Vereinskultur gestärkt. Die Definition der WHO von Gesundheit als ganzheitliches physisches, seelisches und soziales Wohlbefinden hat in Südtirol Einzug gehalten, und der Gesundheitsbereich wird verstärkt der Marktlogik entzogen. In der Politik werden neue Modelle der Entscheidungsfindung (Bürger/-innenräte, zivilgesellschaftliche Mitgestaltung, Kooperation mit Wissenschaftler/-innen) praktiziert. In der Umsetzung der UN SDGs kann Südtirol insbesondere bei verantwortungsvoller Produktion und bei der Umsetzung einer inklusiven und nachhaltigen Stadtgestaltung punkten. Auch die partizipative Entscheidungsfindung und die Verringerung von Ungleichheiten werden umgesetzt, im technologischen und wirtschaftlichen Bereich gibt es aber Defizite (Habicher et al. 2020, 44 – 48).

Im Szenario IV wird eine „Welt der grünen Innovationen“ vorgestellt; der Slogan ist „Es gibt für alles eine (technologische) Lösung“. Auch hier ist die globale Soli­darität hoch, die Menschen in Südtirol fühlen sich weltweit vernetzt. Anstatt der radi­kalen ökosozialen Transformation gibt es aber punktuelle Veränderungen und Reformen, die vor allem auf technologische Innovationen als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen setzen. Man ist davon überzeugt, dass Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit als „Grünes Wachstum“ miteinander vereinbar sind. Südtirol setzt dafür auf beachtliche Innovationen in Forschung, Innovation, Bildung, Kultur und Kunst, umgesetzt durch ein internationales Bildungs- und Forschungsnetzwerk und vermehrte Angebote für „Lebenslanges Lernen“. Alle Lebensbereiche setzen stark auf Digitalisierung, was zu einer regen Start-Up Kultur und einer vermehrten Ansiedelung nachhaltig arbeitender Unternehmen in Südtirol beiträgt. Die Politik zeichnet sich durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl und den Wunsch nach transnationaler Kooperation aus, Südtirol propagiert ein solidarisches Europa der Vielfalt. Bürger/-innen werden vermehrt mittels digitaler Formate in Entscheidungsfindungsprozesse eingebunden. Durch das Grundrecht auf einen Glasfaseranschluss werden digitales Arbeiten und Homeoffice zu einer Möglichkeit für den Großteil der Bevölkerung, das Leben in ländlichen Gemeinden wird dadurch gefördert. E-Learning wird vermehrt eingesetzt, auch Kulturangebote finden zunehmend im digitalen Raum statt. Bei den SGDs sind vor allem im Bildungsbereich und in der technischen Innovation Erfolge zu verzeichnen, ein wirklich ressourcenschonender Umgang mit der Natur wurde aber noch nicht implementiert. Auch im sozialen Bereich führen wenig Umverteilung und weiterhin bestehende klassische Geschlechterrollen zur Fortführung sozialer Ungleichheit und des Gender Pay Gap (Habicher et al. 2020, 61 – 70).

Ohne die Kristallkugel bedienen zu wollen, wird die Entwicklung wohl zwischen den beiden Szenarien liegen. Man kann technologische Innovation nicht ohne soziale Innovation denken, da diese unweigerlich durch die Ressource Mensch als zentralen Faktor miteinander verknüpft sind. Im Sinne einer Embeddedness müssen also die unterschiedlichen Teilnehmer/-innen Technologie, Arbeitende, Wirtschaft und Umwelt miteinander in Einklang gebracht und vielleicht auch an ihre gegen­seitige Abhängigkeit voneinander erinnert werden. Der technologische Fortschritt bietet viele Möglichkeiten, von denen auch eine Neuausrichtung der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit profitieren könnte. Um die soziale Komponente zu stützen, muss diese Nachhaltigkeit aber nicht nur umwelt-, sondern auch sozialverträglich sein. Wichtig ist, dass die involvierten Personen sich nicht als passive Außenstehende, denen Entwicklungen eher nur „passieren“, sondern als aktive und im Sinne eines Empowerments auch zur Diskussion und Entscheidungsfindung „befähigte“ Stakeholder/-innen eingeladen fühlen. Soziale Innovation und gesellschaftliche und technologische Transformation müssen also Hand in Hand gehen, um Entrepreneurship jedes/jeder Einzelnen zu ermöglichen, und eine gemeinwohlorientierte gesellschafts- und umweltpolitische Entwicklung sicher zu stellen. Technologien sind als Kommunikations- und Umsetzungsmittel zentral, als Treiber von Innovation und Transformation müssen aber die Bürger/-innen selbst fungieren – darin liegt der Grundgedanke von Empowerment.

Bürgerschaftliches Engagement ist auch in Südtirol bisher die treibende Kraft hinter Bewegungen zur sozialen Innovation. Auf politischer Ebene lassen sich, insbesondere in der Corona-Krise, abgesehen von neuen flexibilisierten Arbeitsmodellen bisher wenig Ansätze feststellen. Ein Beispiel für soziale Innovation im Rahmen eines der mächtigen Verbände ist das Interesse des Bauernbundes bzw. vor allem der Bäuerinnen an sozialer Landwirtschaft als enge Vernetzung zwischen Sozial- und Agrarbereich und als Mittel zur Aufwertung insbesondere peripherer Lebensräume. Im Bereich Natur verfügt soziale Innovation allgemein in Südtirol über die breiteste Basis, und dürfte dort auch am konsensfähigsten sein. Anders sieht es z. B. mit innovativen Familien- und Betreuungsmodellen aus: So sind Väter, die in größerem Umfang Elternzeit in Anspruch nehmen, immer noch eine Ausnahme. Auch mit frühkindlichen Bildungseinrichtungen (0 – 3 Jahre), die sowohl die Teilnahme am Erwerbsleben der Eltern (in den allermeisten Fällen der Mütter) sichern als auch soziale Ungleichheiten ausgleichen, hat sich Südtirol im Vergleich mit anderen europäischen Ländern erst sehr spät befasst. Wirklich mutige Lösungen (z. B. verpflichtende Vätermonate) als Innovationstreiber sind bisher leider nicht umgesetzt worden, die Familien- und Sozialpolitik reagiert mehr auf längst bestehende gesellschaft­liche Veränderungen, als dass sie innovativ agiert. Innovative Maßnahmen kommen einmal mehr aus der Bevölkerung selbst, z. B. die Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen wachsen – leben – lernen“, die eine Tagesbetreuung für Kleinkinder und Senior/-innen auf dem Bauernhof anbietet; in Zukunft sollen auch Menschen mit Beeinträchtigung das Angebot wahrnehmen können. Auch der Handel und das Gastgewerbe haben mit Innovationen auf Corona reagiert, und vermehrt Online-Angebote bzw. Lieferdienste eingerichtet. Ein Beispiel wäre die Carnerie am Jörgnerhof in Pfitsch, wo man online regionales Bio-Fleisch beziehen und sich dieses liefern lassen kann, aber auch die Lieferservices vieler Restaurants, die sich nun auch in peripheren Gebieten etabliert haben. Die genannten Beispiele zeigen, dass Innova­tion von unten kommt und meist von engagierten Bürger/-innen betrieben wird; politischen Akteur/-innen kommt dabei wenn überhaupt nur eine marginale Rolle zu bzw. sie kommen erst nach dem eigentlichen Innovationsprozess ins Spiel (wie jetzt z. B. bei den sozialpartnerschaftlichen Verhandlungen über Kollektivverträge, die neue Arbeitsmodelle institutionalisieren sollen). Ein aktiveres Engagement, vor allem bei der Schaffung der Rahmenbedingungen (Finanzierungsmöglichkeiten usw.) für Konzepte sozialer Innovation wäre wünschenswert – wiederum im Sinne einer Befähigung, eines Empowerment der Bürger/-innen und ihrer in durchaus beträchtlichem Ausmaß vorhandenen innovativen Potenziale.

5. Schlussfolgerungen

Durch die Covid-19-Pandemie und die daraus hervorgehenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse hat in verschiedenen Lebensbereichen ein Umdenken stattgefunden. Es kam zu einer Hinterfragung von als gegeben hingenommenen Arbeits- und Wirtschaftsmodellen, Überlegungen hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung unserer Gesellschaft in all ihren miteinander verknüpften Aspekten rückten in den Vordergrund.

Soziale Innovation und Empowerment sind zentrale Ideen in diesem Transformationsprozess. Sie verlassen die Sichtweise auf Menschen, Natur, Arbeit und Wirtschaft als voneinander getrennte Bereiche, deren Interessen häufig sogar in Konkurrenz zueinanderstehen, sondern plädieren für einen Ansatz einer Embeddedness, einer tiefgreifenden Vernetzung, die eine getrennte Sichtweise unmöglich macht. Veränderungen lassen sich dabei in allen Bereichen beobachten: Von der digitalisierten Arbeitswelt mit Homeoffice und Smart Working und einer vermehrten internationalen Zusammenarbeit durch neue Technologien über regionale und nachhaltige Wirtschaftskreisläufe bis hin zu Ideen im Tourismus, die für einen sanfteren Umgang mit der Ressource Natur als Lebensraum plädieren. Soziale und technische Innovationen müssen dabei miteinander verbunden werden, wie das in der Praxis bereits häufig der Fall ist: Der regionale Betrieb kann durch seine Internetpräsenz auf sich aufmerksam machen, und im Lockdown z. B. über lokalen Online-Handel weiterhin für Einkünfte sorgen. Die Zonen in der Peripherie werden durch Smart Working als Lebensraum wieder attraktiver, was der Entvölkerung entgegenwirkt – möglich ist dies aber nur mit einem Ausbau von schnellem Internet als Arbeitsvoraussetzung. Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze für die Umsetzung neuer, nachhaltiger Technologien, dafür muss man aber wiederum die nötigen qualifizierten Arbeitskräfte ins Land (zurück)holen. Darüber hinaus braucht es Entlastungsstrukturen für Familien, insbesondere aber für Frauen, welche durch die Verlagerung von Arbeit und Schulbildung in ihre eigenen vier Wände besonders belastet sind. Zudem besteht die Gefahr, dass das right to disconnect, also das Recht, auch einmal offline zu sein, durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten gefährdet und eine ständige Erreichbarkeit vermehrt eingefordert wird – diese ist insbesondere für Familien nicht zu leisten, und kann auch bei Arbeitnehmer/-innen ohne Kinder zu psychischen Belastungssituationen führen. Die neuen Realitäten in der Arbeitswelt, die 2020 aufgrund der prekären Infektionslage sehr schnell umgesetzt werden mussten, müssen jetzt mit einer kollektivvertraglichen Basis versehen werden, die gerade hinsichtlich der Arbeitszeiten Flexibilität und Arbeitnehmer/-innenschutz zusammenführen muss. Technologischer Fortschritt muss also mit gesellschaftlicher Innovation verknüpft werden. Zentral für die soziale Innovation ist, dass dabei auch die Bedürfnisse unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen gewahrt bleiben und mit dem Innovationsgedanken auch eine Gemeinwohlorientierung einhergeht.

Innovationen leben von Ideen, von Menschen, die sich für etwas begeistern und für etwas einsetzen möchten. Daher ist Empowerment ein zentraler Faktor: Ohne Schritte aus der Passivität hin zur aktiven Gestaltung ist keine Innovation möglich. Man muss Menschen also einerseits die Möglichkeit geben, und die Rahmenbedingungen schaffen, um innovative Prozesse zu unterstützen; andererseits muss eine veränderte Wahrnehmung der eigenen Rolle und der Wunsch nach Partizipation aber von den Bürger/-innen selbst kommen, um nachhaltig zu sein. Soziale Innovation und ihr transformativer Charakter leben von einer engagierten Zivilgesellschaft, die bereit ist, mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen, im Gegenzug dazu aber auch die dafür notwendigen Freiräume und Unterstützungsstrukturen erhält. Es braucht also nicht nur den Entrepreneurial Spirit des/der Einzelnen, sondern auch ein politisches Gesamtkonzept, damit die aus der Krise resultierenden Veränderungen zu nachhaltigen Entwicklungen, Innovationen und Empowerment führen können. Man könnte also von einem Social Innovation Mainstreaming sprechen, um Alexander Langers Ansatz der „Umweltverträglichkeitsprüfung“ für soziale Auswirkungen in den Duktus des Jahres 2020 zu übertragen – Innovationspotentiale und gesellschaftliche Auswirkungen müssen in allen politischen Entscheidungen mitgedacht werden, wenn der „Krise als Chance“-Gedanke nicht nur eine inhaltsleere Phrase bleiben soll.

Literaturverzeichnis

Amato, Rosaria (2020), South Working, in 100mila tornati nel Mezzogiorno, in: La Repubblica, 17.11.2020, www.repubblica.it/economia/2020/11/17/news/svimez-274573564/ (22.11.2020)

BASIS Venosta Vinschgau (2020), Verein, https://basis.space/ (21.11.2020)

Beck, Ulrich (1993), Die Erfindung des Politischen, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Bernhard, Armin/Elsen, Susanne/Nicli, Sara (2020), Öko-soziale Landwirtschaft. Ein Ansatz gesellschaftlicher Transformation und nachhaltiger Entwicklung, in: Elsen, Susanne/Angeli, Sergio/Bernhard, Armin/Nicli, Sara (Hg.), Perspektiven der Sozialen Landwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen in Italien, Bozen: Bolzano University Press, 1 – 19

Biesecker, Adelheid/Kesting, Stefan (2003), Mikroökonomik. Eine Einführung aus sozial-ökologischer Perspektive, München: Oldenbourg-Verlag

Cambridge Dictionary (2020), Empowerment, https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/empowerment (22.11.2020)

Clark, David A./Biggeri, Mario/Frediani, Alexandre A. (2019), Participation, Empowerment and Capa­bilities. Key Lessons and Future Challenges, in: Clark, David A./Biggeri, Mario/Frediani, Alexandre A. (Hg.), The Capability Approach, Empowerment and Participation. Concepts, Methods and Applications, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 385 – 402

Elsen, Susanne (2014), Soziale Innovation, ökosoziale Ökonomien und Community Development, in: Elsen, Susanne/Lorenz, Walter (Hg.), Social Innovation, Participation and the Development of Society, ­Bozen: Bolzano University Press, 231 – 263

Habermas, Jürgen (1981), Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Habicher, Daria/Windegger, Felix/Gruber, Mirjam/Dibiasi, Andreas/Klotz, Greta/Erschbamer, Greta/Pechlaner, Harald /Von der Gracht, Heiko/Gigante, Silvia/Ghirardello, Linda (2020), Denkanstoß ­Covid-19. Zukunftsszenarien für ein nachhaltiges Südtirol 2030+, Bozen: Eurac Research

Henao-Zapata, Daniel/Peiró, José M. (2018), The Importance of Empowerment in Entrepreneurship, in: Tur Porcar, Ana/Ribeiro Soriano, Domingo (Hg.), Inside the Mind of the Entrepreneur. Cognition, Personality Traits, Intention, and Gender Behavior, Wiesbaden: Springer, 185 – 206

Langer, Alexander (1994), Die ökologische Wende wird sich nur durchsetzen, wenn sie auch sozial wünsch­bar erscheint, Toblacher Gespräche, 01.09.1994, www.alexanderlanger.org/de/171/1149 (22.11.2020)

Nussbaum, Martha C. (1999), Gerechtigkeit oder das gute Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Polanyi, Karl (2006, Original: 1944), The Great Transformation. The Political and Economic Origins of our Time, Boston: Beacon Press

Schubert, Cornelius (2018), Social Innovation. A New Instrument for Social Change?, in: Rammert, Werner/Windeler, Arnold/Knoblauch, Hubert/Hutter, Michael (Hg)., Innovation Society Today. Perspectives, Fields and Cases, Wiesbaden: Springer VS, 371 – 391

Schumpeter, Joseph (1964, Original: 1911), Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 6. Auflage, Berlin: Duncker & Humblot

Scientists for Future South Tyrol (2020), Scientists for Future Südtirol, www.scientistsforfuture.bz/ (22.11.2020)

Seidl, Irmi/Zahrnt, Angelika (2010), Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft, Marburg: Transkript

Sen, Amartya (2000), Ökonomie für den Menschen, München: Hanser

Südtirols Netzwerk für Nachhaltigkeit (2020), Ziele dieses Netzwerks, www.future.bz.it/ (22.11.2020)

UN – United Nations (2020), The 17 Goals, https://sdgs.un.org/goals (22.11.2020)

WHO – World Health Organisation (2020), What is the WHO definition of health?, www.who.int/about/who-we-are/frequently-asked-questions https://www.who.int/about/who-we-are/frequently-asked-questions (22.11.2020)

WIFO – Handelskammer (2019), Südtirol von Brain Drain betroffen. Studie zur Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, www.handelskammer.bz.it/de/s%C3%BCdtirol-von-brain-drain-betroffen (22.11.2020)

Zukunftspakt Südtirol (2020), Zukunftspakt. Patto Futuro, https://zukunftspakt-pattofuturo.org/ (22.11.2020)